Freitag, 27. Februar 2026

UND PLÖTZLICH BIN ICH ALT




 




Und plötzlich bin ich alt

Alter zeigt sich unvermittelt

Die Falten unterm Hals sind über Nacht gekommen

Oder ich habe sie einfach immer Übersehen

Die Falten in den Achselbeugen zum Rücken hin zeigen sich

Das Dekolte zeigt feine Risse

Die Haut wird insgesamt weicher und unelastischer

Die Hände haben kleine braune Flecken und Wunden heilen nicht mehr selbstverständlich, sondern die Haut zeigt eine andere Farbe

Das Gewicht wird gewichtiger und malt den Leib fülliger

Etwas Gemüt liegt in allem gemütlicher

Die Nerven brauchen länger zur Rekonvaleszenz

Der Schlaf zieht sich zurück

Die Haare gehen mehr aus, auf allem Dunklen zeigen sich die Strähnen

Das Grau setzt sich durch

Nase Ohren Mund die Schleimhaut braucht mehr Feuchtigkeit

Die Adern an Beinen treten mehr hervor

Das Lachen hinterlässt neue Spuren im Gesicht, die Tränen aber auch

Erschöpfung zeigt sich eher im Antlitz

Die Sonne wendet sich mir mehr zu, ich genieße ihre Wärme deutlicher

Ich mag all diese Spuren

Ich mag sie auch an anderen älter gewordenen und neu gewonnen Freundinnen

Wir sind gemeinsam alt geworden und unser Alter beginnt grade

Die Gnade vor der Unvollkommenheit setzt sich durch und ich erlebe dies als Glück

Farbe freut die Seele

Schöne Worte heimeln an

Freundlichkeit wird wichtiger

Trennendes zieht sich zurück

Stimmen brechen manchmal und verzeihen mehr

Die Verpflichtungen sind abhandengekommen und ich frage mich, wie konnte ich die so lange halten

Gerechtigkeit findet in der Nähe statt

Liebe auch, sie umfasst mehr

Krankheiten werden zusammengetragen und mit Lebenserfahrung gepaart

Verstecken war gestern

Heute ist Annahme

Ich liebe Alter

Gelassenheit ruft in vielen Situationen

Gereiztheit springt zuweilen unvermittelt hervor und wird gleich wieder ausgeglichen

Es gibt keine Zeit zu verlieren, jede Begegnung hat die Endlichkeit im Gepäck

In keine Nacht mehr mit trennendem Kummer sondern Versöhnung umgehend

Die eigenen Schatten kennen wiedererkennen und raus in die Sonne

Schlafen Aufwachen welch Glück

Aufstehen Bewegen welch Wohltat

Morgen für Morgen Neues Alter


 


 

Samstag, 21. Februar 2026

DU BIST BERLIN/S Bahn Stories/Fahrziele in den Wolken suchen

 



 

S- Bahnhof Zoologischer Garten, kurz nach dem Streik. eine Ansage über Mikrofon:

„also jetzt sollte der Zug nach Spandau einfahren.“

Pause…

„wo der jetzt abgeblieben ist, wees icke och nich!“

Gelächter auf dem Bahnsteig.

„ja Mensch sie lachen, aber ick blicke hier nich mehr durch.“

Noch mehr Gelächter.

„blickt in Berlin überhaupt noch jemand durch??????????“

Einhellig, wie auf Kommando im Kasperletheater vom Bahnsteig:“NÖÖÖÖ“

Eine verzagte Stimme im Hintergrund: „Herta hat verloren“

Die Stimme über Mikrofon: „das habe ich gehört und das ist nun wirklich keene Überraschung!“

Wieder die verzagte Stimme: „was erwarten sie eigentlich von uns. wir haben nicht einmal eine ordentliche Regierung. Nur eine, die die Tassen in den Schränken zählen wollte!“

Großes Gelächter all überall.

Ein Zug fährt ein. Nach wie vor eine irritierte Stimme über Mikrofon:

„das ist nicht der Zug nach Spandau.“aber ich weess och nich welcha Zug das jetzt ist. Kollege Zugführer, wohin fährst du?“

Der Zugführer steigt aus.

„sag du es mir, ich blicke nicht durch.“

Nach dem Streik ist vor dem Streik…

 

 

 

Freitag, 13. Februar 2026

Wonderstory KEINEN CENT MEHR, NUR NOCH WUNDER

 




 

 

Wonderstory

 

Ganz klein nur

Aber umso wirkungsvoller

 

 

Ganz nach dem Motto:    Nicht müde werden,

                                     sondern dem Wunder

                                      leise wie ein Vogel

                                      die Hand hinhalten

 

                                                         (Hilde Domin)

 

Ich ging heute Morgen eine kleine Runde.

Da blinkte auf dem Straßenpflaster ein kupfernes Centstück.

 

Ich bin Typ Frau: Wer den Pfennig nicht ehrt

                            Ist des Talers nicht wert

Ich weiß, das ist komplett daneben. Ich hab diesen Satz 6 Jahre lang an jedem Schultag über der Klassentafel gelesen. Ich kann den rückwärts hersagen. Genauso wie ich mich an Namen Begriffe Songs erinnern kann, die mir niemals zugeordnet würden von den Menschen, die mich heute kennen.

 

Aber heute dachte ich: Nee, ich hebe keine Centstücke mehr auf. Ich wünsche mir mehr, mehr als einen Cent, mehr als solche Sprüche, mehr, einfach was anderes.

 

Ich ging keine 50 Meter weiter, da kam mir ein etwas ausgeflippter hübscher junger Mann entgegen. Kajal um die Augen, etwas übernächtigt, aber feminin männlich schön. In der rechten Hand eine Tafel Schokolade und in der linken eine Tüte mit Frühstücksbrötchen. Er lächelte mich freundlich an, hielt mir die schon aufgebrochene Schokolade hin und lud mich ein, etwas davon zu nehmen. Ich war hell begeistert. Es war diese Vollmilchschokolade, wenn du diesen Schmelz der vollen Milch abgelutscht hast, dann erscheint genau darunter ein Nougatkern. Das ist eine Schokoladenconfiserieexplosion vom Feinsten. Ich brach mir eine Ecke ab. Ich lächelte ihn an. Danke. Nimm noch mehr, waren seine Worte. Ich brach mir noch ein Stück ab und wir verließen einander lächelnd und lebensfroh. Schokoladenbegeisterte.

 

Das brauchte ich, so eine bezaubernde Begegnung, so eine zarte Attitüde, so einen Geschmack.

 

Wer auch immer für diese Wunscherfüllung am Ende zuständig war, der junge Mann ja auf jeden Fall und ich irgendwie auch, aber an den Rest der Wunscherfüllungsrunde DANKE.