Ich
hatte einmal eine Katze
Was
habe ich mir denn dabei gedacht! Als Siebzigjährige alte Fotokartons
hervorzuholen und zu hoffen, den ganzen Plunder einmal zu entsorgen. Was dabei
herauskommt? Ganz einfach, ich erkenne in meiner Jugend das
Muster wieder, von Wundern immer begleitet gewesen zu sein und finde die
Fotos meiner zauberhaften Katzen. Und am Ende hänge ich sie mir über meinen
Arbeitstisch. Dabei wollte ich alle Fotos entsorgen…
Ich
hatte einmal eine Katze und die Geschichte geht so:
Ich
wollte niemals Haustiere haben.
Die
würden mich binden und mir die Haare vom Kopf fressen. Außerdem fand ich es
unmenschlich, dass sie immer in einer Wohnung leben müssten und niemals raus
könnten. So in etwa erinnere ich vage meine Haltung.
Dann
eines Tages flanierte ich ziellos durch Charlottenburg. Ich kam aus dem
Schwimmbad und hatte mir in der Deutschen Oper eine Karte für eine
Ballettveranstaltung gekauft. So schlenderte ich durch die Zillestrasse und
begegnete an der Richard-Wagner-Straße einer Katze. BOW, war die groß.
Unheimlich groß. Ob sie ein fetter Kater oder eine trächtige Katze war, konnte
ich nicht ausmachen. Aber sie war ungemein zutraulich. Stellte sich mir in den
Weg, maunzte und quatschte in einer Tour auf mich ein. Dabei musterte sie mich
zutraulich. Ich ging auf ihr Gesprächsangebot ein und ehe ich mich versah,
drehte sie sich ,weiter vor sich hin maunzend ,von mir ab und stellte sich in den
Eingangsbereich eines Ladens. Mir schien es, sie gehörte dort hin und war es
als Straßengängerin gewohnt, dass Menschen dort klingelten und sie auf diese
Weise in die Wohnung käme. Damals war es üblich, leerstehende Läden zu beziehen
und diese großartig in Wohnungen auszubauen. Ich fand eine Klingel, aber
niemand öffnete. Das merkte auch die Katze, drehte sich zu mir und verließ den
Eingangsbereich. Sie trottete vertrauensselig neben mir her. Nee, dachte ich,
nicht mit mir, und spürte aber auch eine große Faszination ihr gegenüber. Ich mochte es, wie sie neben mir herlief, als würden wir das schon seit Jahr
und Tag so miteinander tun. Nachdem wir so eine ganze Weile liefen und uns einer großen Verkehrsstraße näherten, wusste ich, jetzt stand eine Entscheidung an.
OK,
ich sprach laut und deutlich zu ihr, wenn Du mit mir darüber läufst, dann verlässt
Du definitiv Deinen üblichen Katzenradius und dann hast Du hier kein Zuhause.
Dann nehme ich Dich mit. Sie schaute mich an, zuversichtlicher als ich mich
fühlte, ging mir voran über den leeren Bahndamm und ich war gefangen, auf
wundersame Weise gebunden, in aller Freiheit auf Augenhöhe mit diesem Brocken,
an einem Sonntagmorgen in Westberlin im Reich der Katzenmütter. Ich beugte mich
zu ihr runter und sie ließ sich bereitwillig auf den Arm nehmen. Sie wog schwer
und ich hätte sie niemals mit der U-Bahn ohne Band oder Korb transportieren
können. Ich hielt nach einem Taxi Ausschau, als plötzlich ein VW Bus neben mir
stoppte. Eine junge Frau sprang aus dem Auto, lief auf uns beide zu und fragte
mich, ob ich bzw. wir beide Hilfe bräuchten. Ich berichtete ihr kurz die Geschichte,
als sie begann ohne Punkt und Komma zu erklären, dass dies eine ältere Katze
wäre, völlig überfressen, typisch für Straßen Katzen.ich staunte, kannte ich doch nur die mageren ihrer Art.
„Die
sucht ein Zuhause. Du bist ihr neues Zuhause. Sie wird Dich mit Fressen abzocken
ohne Ende, aber sie wird unheimlich treu sein.“
Sie strahlte übers ganze Gesicht und entpuppte sich als Medizinstudentin, die einen Job im Veterinärdienst des
Bezirks innehatte und mir sofort zusagte, dass sie die Katze, wenn ich sie dann
nähme, kostenlos versorgen würden mit Impfungen und Untersuchungen.
„Willst
Du sie nicht vielleicht lieber nehmen?“ Das war mein allerletzter Versuch, dies
kleine große Ungeheuer loszuwerden.
„Nee,
die will zu Dir, und ich habe schon genug Asylanten der Tierwelt bei mir.“
Kurzerhand
brachte sie uns zu mir Nachhause und auf dem Weg dahin, erklärte sie mir
erstmal so einiges, was ich als zukünftige Katzenbesitzerin alles bräuchte. In
ihrem Kofferraum hatte sie eine Notversorgungstasche dabei. Katzensand, Futter,
Medizintasche.
Bei
mir Zuhause fanden wir fürs erste eine Schüssel und da hinein streuten wir Sand.
Die Katze stromerte durch meine Wohnung, nur ein wenig scheu. Sie ging sofort
auf die Katzenschüssel und dann schnurstracks auf einen Obstkorb zu und biss
heftig in einen Apfel.
Die Tiermedizinerin
lachte aus vollem Hals.
„OK,
die frisst alles, das ist sie gewohnt.“
Sie
nahm den Katzenkopf in ihre Hände, öffnete vorsichtig das Mäulchen und
vermutete, dass die Katz schon älter wäre, vielleicht vier fünf Jahre. Sie wehrte
sich gegen nichts.
„Wenn
Du ins Institut kommst, müssen wir die Zähne behandeln und ihren Pelz, sie
sieht etwas räudig aus. Außerdem muss sie grundversorgt werden. Los, wir fahren
jetzt noch hin und dann beginnt Ihr Euer neues Leben miteinander, ohne Läuse
ohne Räude.“
Sie und die Katze schauten sich so um und ich merkte, dass beide austarierten,
wie die Gegebenheiten hier waren. Es schien bestens bestellt. Große Wohnung,
inmitten eines grünen Hofes, es gab genug andere Katzen.
Mathilde
wollte aber in der Stadt nie mehr raus. Sie hätte gehen können. Sie blieb. Sie fraß nach einer
ganzen Weile fast nur noch, was wirklich ihre Nahrung war. Aber ich konnte sie
wie einen Esel mit Früchten füttern, bis zum Schluss. Wenn ich Ferien in
Dänemark machte, kam sie mit und dort lebte sie wie eine Dragonerin ein wildes
Leben und kam immer wieder zurück. Sie brachte Mäuse und fing Schmetterling,
die Vögel blieben unerreichbar, weil sie eine Glocke um den Hals trug.

Später
kam noch Amanda dazu, eine falben farbige Tempelkatze. Sie vertrugen sich famos
und waren somit beide nie alleine. Außer Amanda ging auf Trebe, denn die ging
raus und trieb sich gerne rum. Dann saß Mathilde stundenlang am Fenster und
atmete manchmal tiefer als sonst. Mit kleinen Sehnsuchtsseufzern, fast
unmerklich.
Mathilde
blieb 25 Jahre lang, dann starb sie an Nierenversage und ich ließ sie
einschläfern, auf meinen Armen, die sie 25 Jahre zuvor Nachhause brachten. Diesmal wog sie federleicht. Die
Kinder der Nachbarschaft und ich beerdigten sie in dem Garten im Hinterhaus, den
sie nie betreten hat. An einem Sonnenplätzchen unter einem Kirschbaum. Den
Platz hatten die Kinder bestimmt und ausgehoben. Alle Katzen der Nachbarschaft
lagen da. Die Ärztin hatte empfohlen, Amanda, also der zurück gebliebenen Katze, einmal den toten Körper zu zeigen, damit sie verstand, wo Mathilde
abgeblieben war. Sie sah Mathilde und stieß einmal einen ganz scharfen Laut aus,
drehte sich um und verschwand.
Ihrer
beider Lieblingsfressen waren Hühnerbeine vom Wienerwald und Nordseekrabben
von Rogacki. Beides gibt es nicht mehr. Aber es bleibt die Erinnerung an
Festgelage mit meiner Freundin und beiden Katzen im Bett mit Hühnerbeinen und
friedlich schnurrenden Katzen an Sonntagnachmittagen.
Amanda
blieb noch drei Jahre lang bei mir. Sie entwickelte ein enormes Selbstbewusstsein
in ihrer neuen Rolle als Chefin im Salon.
Ich
habe mir die Fotos für eine Weile erstmal hingehängt.
Mathilde
habe ich sogar mal in einem gemalten Bild verewigt.