Freitag, 8. Mai 2026

Vergessen

 



 

Vergesslichkeit

Im Gehirn erreichen

die Ereignisse

das Nichts

Ich weiß nicht mehr

Ich will nichts hervorholen

Deinen Namen erinnere ich nicht

Trotzdem weiß ich ALLES ÜBER DICH

und könnte es auch hersagen

nur deinen Namen vermisse ich grade

Vergesslichkeit ist ein Kobold

Sie zaubert in meine Ereigniswelt

Lücken und Zerrissenheit

Zuviel geht nicht

Will nicht

Meine Orientierung schleudert

Begriffe Namen Zeiten

ins Abseits

Wo ist das?

Ich stehe da

Weiß nicht

Weiß mich

Vielleicht

Vergessen 

 

 

Aber wie der Flieder duftet

wenn ich ihn mir stehle

vergesse ich hoffentlich nie 

Donnerstag, 7. Mai 2026

Ich hatte einmal eine Katze

 





Ich hatte einmal eine Katze

 

Was habe ich mir denn dabei gedacht! Als Siebzigjährige alte Fotokartons hervorzuholen und zu hoffen, den ganzen Plunder einmal zu entsorgen. Was dabei herauskommt? Ganz einfach, ich erkenne  in meiner  Jugend das Muster wieder, von Wundern immer begleitet gewesen zu sein und finde die Fotos meiner zauberhaften Katzen. Und am Ende hänge ich sie mir über meinen Arbeitstisch. Dabei wollte ich alle Fotos entsorgen…

 

Ich hatte einmal eine Katze und die Geschichte geht so:

Ich wollte niemals Haustiere haben.

Die würden mich binden und mir die Haare vom Kopf fressen. Außerdem fand ich es unmenschlich, dass sie immer in einer Wohnung leben müssten und niemals raus könnten. So in etwa erinnere ich vage meine Haltung.

 

Dann eines Tages flanierte ich ziellos durch Charlottenburg. Ich kam aus dem Schwimmbad und hatte mir in der Deutschen Oper eine Karte für eine Ballettveranstaltung gekauft. So schlenderte ich durch die Zillestrasse und begegnete an der Richard-Wagner-Straße einer Katze. BOW, war die groß. Unheimlich groß. Ob sie ein fetter Kater oder eine trächtige Katze war, konnte ich nicht ausmachen. Aber sie war ungemein zutraulich. Stellte sich mir in den Weg, maunzte und quatschte in einer Tour auf mich ein. Dabei musterte sie mich zutraulich. Ich ging auf ihr Gesprächsangebot ein und ehe ich mich versah, drehte sie sich ,weiter vor sich hin maunzend ,von mir ab und stellte sich in den Eingangsbereich eines Ladens. Mir schien es, sie gehörte dort hin und war es als Straßengängerin gewohnt, dass Menschen dort klingelten und sie auf diese Weise in die Wohnung käme. Damals war es üblich, leerstehende Läden zu beziehen und diese großartig in Wohnungen auszubauen. Ich fand eine Klingel, aber niemand öffnete. Das merkte auch die Katze, drehte sich zu mir und verließ den Eingangsbereich. Sie trottete vertrauensselig neben mir her. Nee, dachte ich, nicht mit mir, und spürte aber auch eine große Faszination ihr gegenüber. Ich mochte es, wie sie neben mir herlief, als würden wir das schon seit Jahr und Tag so miteinander tun. Nachdem wir  so eine ganze Weile liefen und  uns einer großen Verkehrsstraße näherten, wusste ich, jetzt stand eine Entscheidung an.




 

OK, ich sprach laut und deutlich zu ihr, wenn Du mit mir darüber läufst, dann verlässt Du definitiv Deinen üblichen Katzenradius und dann hast Du hier kein Zuhause. Dann nehme ich Dich mit. Sie schaute mich an, zuversichtlicher als ich mich fühlte, ging mir voran über den leeren Bahndamm und ich war gefangen, auf wundersame Weise gebunden, in aller Freiheit auf Augenhöhe mit diesem Brocken, an einem Sonntagmorgen in Westberlin im Reich der Katzenmütter. Ich beugte mich zu ihr runter und sie ließ sich bereitwillig auf den Arm nehmen. Sie wog schwer und ich hätte sie niemals mit der U-Bahn ohne Band oder Korb transportieren können. Ich hielt nach einem Taxi Ausschau, als plötzlich ein VW Bus neben mir stoppte. Eine junge Frau sprang aus dem Auto, lief auf uns beide zu und fragte mich, ob ich bzw. wir beide Hilfe bräuchten. Ich berichtete ihr kurz die Geschichte, als sie begann ohne Punkt und Komma zu erklären, dass dies eine ältere Katze wäre, völlig überfressen, typisch für Straßen Katzen.ich staunte, kannte ich doch nur die mageren ihrer Art.

„Die sucht ein Zuhause. Du bist ihr neues Zuhause. Sie wird Dich mit Fressen abzocken ohne Ende, aber sie wird unheimlich treu sein.“

 Sie strahlte übers ganze Gesicht und entpuppte sich als Medizinstudentin, die einen Job im Veterinärdienst des Bezirks innehatte und mir sofort zusagte, dass sie die Katze, wenn ich sie dann nähme, kostenlos versorgen würden mit Impfungen und Untersuchungen.

„Willst Du sie nicht vielleicht lieber nehmen?“ Das war mein allerletzter Versuch, dies kleine große Ungeheuer loszuwerden.

„Nee, die will zu Dir, und ich habe schon genug Asylanten der Tierwelt bei mir.“

Kurzerhand brachte sie uns zu mir Nachhause und auf dem Weg dahin, erklärte sie mir erstmal so einiges, was ich als zukünftige Katzenbesitzerin alles bräuchte. In ihrem Kofferraum hatte sie eine Notversorgungstasche dabei. Katzensand, Futter, Medizintasche.

Bei mir Zuhause fanden wir fürs erste eine Schüssel und da hinein streuten wir Sand. Die Katze stromerte durch meine Wohnung, nur ein wenig scheu. Sie ging sofort auf die Katzenschüssel und dann schnurstracks auf einen Obstkorb zu und biss heftig in einen Apfel.

Die Tiermedizinerin lachte aus vollem Hals.

„OK, die frisst alles, das ist sie gewohnt.“

Sie nahm den Katzenkopf in ihre Hände, öffnete vorsichtig das Mäulchen und vermutete, dass die Katz schon älter wäre, vielleicht vier fünf Jahre. Sie wehrte sich gegen nichts.

„Wenn Du ins Institut kommst, müssen wir die Zähne behandeln und ihren Pelz, sie sieht etwas räudig aus. Außerdem muss sie grundversorgt werden. Los, wir fahren jetzt noch hin und dann beginnt Ihr Euer neues Leben miteinander, ohne Läuse ohne Räude.“
Sie und die Katze schauten sich so um und ich merkte, dass beide austarierten, wie die Gegebenheiten hier waren. Es schien bestens bestellt. Große Wohnung, inmitten eines grünen Hofes, es gab genug andere Katzen.

Mathilde wollte aber in der Stadt nie mehr raus. Sie hätte gehen können. Sie blieb. Sie fraß nach einer ganzen Weile fast nur noch, was wirklich ihre Nahrung war. Aber ich konnte sie wie einen Esel mit Früchten füttern, bis zum Schluss. Wenn ich Ferien in Dänemark machte, kam sie mit und dort lebte sie wie eine Dragonerin ein wildes Leben und kam immer wieder zurück. Sie brachte Mäuse und fing Schmetterling, die Vögel blieben unerreichbar, weil sie eine Glocke um den Hals trug.

 


Später kam noch Amanda dazu, eine falben farbige Tempelkatze. Sie vertrugen sich famos und waren somit beide nie alleine. Außer Amanda ging auf Trebe, denn die ging raus und trieb sich gerne rum. Dann saß Mathilde stundenlang am Fenster und atmete manchmal tiefer als sonst. Mit kleinen Sehnsuchtsseufzern, fast unmerklich.

 

Mathilde blieb 25 Jahre lang, dann starb sie an Nierenversage und ich ließ sie einschläfern, auf meinen Armen, die sie 25 Jahre zuvor Nachhause brachten. Diesmal wog sie federleicht. Die Kinder der Nachbarschaft und ich beerdigten sie in dem Garten im Hinterhaus, den sie nie betreten hat. An einem Sonnenplätzchen unter einem Kirschbaum. Den Platz hatten die Kinder bestimmt und ausgehoben. Alle Katzen der Nachbarschaft lagen da. Die Ärztin hatte empfohlen, Amanda, also der zurück gebliebenen  Katze, einmal den toten Körper zu zeigen, damit sie verstand, wo Mathilde abgeblieben war. Sie sah Mathilde und stieß einmal einen ganz scharfen Laut aus, drehte sich um und verschwand.

Ihrer beider Lieblingsfressen waren Hühnerbeine vom Wienerwald und Nordseekrabben von Rogacki. Beides gibt es nicht mehr. Aber es bleibt die Erinnerung an Festgelage mit meiner Freundin und beiden Katzen im Bett mit Hühnerbeinen und friedlich schnurrenden Katzen an Sonntagnachmittagen.

 

Amanda blieb noch drei Jahre lang bei mir. Sie entwickelte ein enormes Selbstbewusstsein in ihrer neuen Rolle als Chefin im Salon.

Ich habe mir die Fotos für eine Weile erstmal hingehängt.

Mathilde habe ich sogar mal in einem gemalten Bild verewigt.

 

 


Mittwoch, 6. Mai 2026

strong and fragile Natur und wir


strong and fragile

 

Als ich heute Morgen meine verblühte Butterblume sah

Ihr fedriges Kleid grade noch wahrnehmen konnte

Ehe sie ihre Samen in alle Erden verströmt

Wurde mir erneut deutlich

Wie eng das Starke und das Zarte eines sind

Auch in uns

Genau wie in dieser Butterblume oder Pusteblume oder Löwenzahn

In diesem Jahr hatte ich den Eindruck, dass sie mehr als

sonst aus allen Löchern, Steinen, Hauswinkeln, Wiesen krochen durchbrachen und viel mehr Gelb leuchteten als in den Jahren zuvor.

Vielleicht aber war ich nur bedürftiger nach diesem Winter nach den saftigen Gelbhäubchen.

Es war ja auch das erste Mal, dass eine sich auf meinem Balkon niedergelassen und angesiedelt hatte. Ein Glück!

Meine Schwester sagte damals nach dem Ringen mit ihrer Krebserkrankung beim Anblick einer Butterblume, die zwischen zwei Pflastersteinen sich hindurchgezwängt hatte:

„So habe ich mich nach der Therapie gefühlt, wie aus Stein geboren.“

 

Strong and Fragile