Montag, 23. Dezember 2013

Weihnachten packt die Holla aus







Weihnachten packt die Holla aus

1976, zwei Monate vor Weihnachten.
Ich lebe erst seit fünf Wochen in München und studiere dort
Eurythmie. Das erste Mal in meinem Leben bin ich in eine
vollkommen fremde Stadt gezogen, ein Abenteuer, das mein
Leben verändern sollte.
Niemanden zu kennen bedeutete für mich, besonders offen zu
sein gegenüber Neuem und neuen Menschen und fremden
Situationen.
Die Aufnahme in der Schule vollzog sich besonders herzlich,
ganz unkompliziert waren Kontakte geknüpft, eine kleine
Wohnung schnell gefunden, ein Job in einer Bäckerei in
Schwabing sollte mein Auskommen sein. Mir stand die Welt
offen, dieses Gefühl habe ich geliebt und es wurde mir auch
vermittelt.
In der Schule hatten wir die Weihnachtsaufführungen beendet
und die Ferienzeit begann. Weihnachten stand vor der Tür und
ich wusste nicht so recht, wohin mit mir. Da half mir der
Zufall, dass ich von einer Mitschülerin das Auto geliehen
bekam. Kurzentschlossen fuhr ich nach Mittenwald.   Dort
wollte ich wandern, Skifahren lernen, Schneeweihnachten
erleben.
Ich hatte keine Ahnung von Schneeketten, aber sie lagen im
Kofferraum. Ich hatte auch keine Ahnung von Schneemengen
und von Bergen und von Mittenwald, aber ich hatte auch keine
Angst davor.
In Mittenwald angekommen, fand ich nur mit Mühe über einen
Aushang im Schaufenster bei einer Goldschmiedin eine
Unterkunft. Sie war erstaunt, dass ich alleine ohne eine Familie
Weihnachten feiern würde. Aber nur bis zum 23.12. wie sie mir
eindringlich nahelegte, denn danach wollten ihre Kinder
kommen und die wohnten normalerweise in der
Einliegerwohnung. Ich nahm die Wohnung trotzdem. Acht
schöne Tage waren besser als nichts. Und Weihnachten würde sich was ergeben. Meine innere Stimme sagte, nimm´s und warte ab. Und ich bekam das Paradies. Die alte Dame lehrte mich alles: Skifahren, wedeln, aufsteigen, Schussfahren, Schneeketten anlegen. Sie zeigte mir ihre Werkstatt, ihre Kreationen und wir hatten schöne Gespräche. Dann eines Abends, zwei Tage vor Weihnachten lud sie mich ein, mit zur Chorprobe für Fest zu kommen. Ich durfte mitsingen und war seelig. Als wir danach noch in die Wirtschaft gingen, wurde dort weiter gesungen und ich wurde ausgequetscht und ich beneidete die Menschen für ihre Verbundenheit untereinander. Es war noch meine Zeit, in der ich alles gut oder schlecht fand. Das dort fand ich gut. Es wurde spät und später, und erst weit nach Mitternacht machten wir uns alle auf den Weg Nachhause. Und da war es: Schnee war in rauen Mengen gefallen, bei Austritt aus der Wirtschaft fiel der Blick auf die Kirche und die stand hell angeleuchtet in weißem Idyll. Puderzucker in großen Mengen, Nacht hell schneeweiß, unglaubliche Stille.
„Mei o mei, da hat die Holla aber ausgepackt für die Preußin!“ entfuhr es meiner Wirtin.
Wir lachten und alle waren wir berührt und der Zauber wurde von uns in die Weihnacht getragen.
Es war Glück. Ich war glücklich. Der Schnee fiel immer weiter.
Am nächsten Morgen stand es fest: Mittenwald war eingeschneit. An Hin- oder Wegreisen war nicht zu denken. Der Schnee fiel und fiel und Weihnachten fiel ganz anders aus. Ich lernte von der Wirtin eine Gans zuzubereiten, ich lernte Knödel zu kochen, ich lernte eine katholische Weihnachtsmette kennen, ich lernte mitzusingen und ich dankte für eine großzügige Gastfreundschaft.
1976 gab es keine Handys, es gab niemanden, der fotografierte.
Ich habe mir die Bilder in meine Seele eingeprägt.
Und ich habe Briefe geschrieben, lange haben wir Briefe geschrieben.
Ich habe die Erinnerung an ein unvergessliches Weihnachtsfest in meinem Herzen.
Und ich habe noch einen Ring, den mir die Goldschmiedin schenkte. Mit drei Steinen, den Sternzeichensteinen meiner Eltern und mir. Ein Turmalin, ein Rosenquarz und ein Amethyst. Ich fühlte mich geborgen dort damals. Unter Fremden. Was mehr als dies kann Weihnachten versprechen.
Frohe Weihnachten
Einfach so, wie es kommt.



Kommentare:

  1. Fröhliche Weihnachtsfest und man sieht an deiner Geschichte wie gut ein Schritt ins Risiko sein kann wenn man mit geöffnete Tür daran geht und so kommen dir auch fremde Menschen entgegen.
    Lieben Gruss Elke

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  2. Ich danke Dir sehr !! für diesen so warmen und für mich irgendwie ganz zuversichtlichen Text. Also aufzubrechen in Abendteuer und offen zu sein was kommt.
    Ich träume davon eines Tage Weihnachten mit lieben Menschen in den Bergen bei Schnee und Ruhe zu genießen.
    Dir ganz schöne Tage!
    Grüße an Dich
    Oona

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  3. Eine schöne Erinnerung :-)

    Ich möchte Dir auch schöne Weihnachten wünschen mit Licht im Herzen!

    Liebe Grüße und Wünsche,
    anja

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  4. DAS ist eine echte Weihnachtsgeschichte - wundervoll!

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