Dienstag, 17. Dezember 2013

ALS DIE PERCHT KAM



ALS DIE PERCHT KAM

Also um es ganz deutlich zu sagen,
wenn die Percht das erste Mal kommt,
fragt sie nicht nach:
Paßts grade?
Oder ist’s schön jetzt?
Ach und sowieso
Sie ist alles,
aber vor allem auf den ersten Blick nicht schön,
sondern ein Graus, dass es einem nur so den Schrecken
verpasst.
Und noch was,
ich komme aus Berlin
es gibt keine Berge,
wenn du mal von der Haveldüne absiehst,
aber die würde die Percht niemals als Berg akzeptieren
oder als ihre Heimat anvisieren.
Also alles in allem
eine ganz bescheuerte Situation,
im Grunde würde die Percht hier niemals vorbeischauen.
Trotzdem ist sie heute meine Hausgöttin,
vielleicht sieht sie selber das ganz anders
und graust sich selber vor meiner Anmaßung.
Aber ums auch deutlich zu sagen:
SIE IST ZU MIR GEKOMMEN.
Ich habe sie dann
nach einer Weile,
mee sie hat mich überzeugt.
Ich bin überzeugt, dass es sie gibt.
Wie sie kam?
Es war mein erster Arbeitstag  an einem neuen Ort.
Plötzlich stellte sich mir ein uralter Mann in den Weg.
Sein Gesicht sprang mich an.
Wild uralt starke abstehende Ohren ein großer Mund schräg,
voller übergroßer schräger Zähne,
ein Unterbiss zum Erbarmen,
dunkelbraune feurige Augen,
die sprangen mich auch an.
Ich hatte nicht Angst aber es war  unheimlich.
Dann kam die Stimme.
Keine Chance auf Diskretion. Lautstark.
Kennst Du mich?
Nö!
Du kennst mich nicht?
Nö!
Seine Aussprache tiefstes Bayerisch, ein RRRRRRRRRRRRR
Ein GROLLEN die Berge im Maul die Felsbrocken im Gesicht.
Ich bin die Percht.
Ich schreie gegen den Wind, ich brause durch dein Leben,
ich schaudere und Du wirst schaudern.
Nö, ich kannte die Percht nicht.
Na dachte ich, das ist ja wohl der wahnsinnigste Job, den ich
je angefangen habe.
Mittlerweile hatten wir die ungeteilte Aufmerksamkeit
mehrerer Mitarbeiter, die erwartungsvoll auf meiner Reaktion
warteten.
Hat hier jetzt mal jemand eine zündende Idee? Ich hatte
nämlich erstmal keine.
Ein älterer Oberpfleger griff beherzt ein.
Also die junge Frau wird vermutlich das neue Bodenpersonal
vom Jungen da oben? Sein Finger zeigte gen Himmel und seine
Frage richtete sich an mich.
Ich grinste, ich war als Seelsorgerin fürs Ökomenische
eingestellt worden und fand die Idee mit dem Jungen da oben
wirklich gut.
Das ist Herbert, 87 Jahre alt, Bergbauer aus Tirol, seit 15
Jahren als Alkoholiker mit Korsakow Syndrom, seit 15 Jahren
ohne Alkohol. Seither glaubt er, er sei das gesamte himmlische
Personal der göttlichen Wesenheiten aus dem Alpenraum.
Unsere Begegnungen wurden göttlich.
Herbert baute mir eine Perchtmaske aus Ton. Er überreichte
sie mir während einer Weihnachtsfeier.
Auch wenn du das nicht kapierst, sie wird dich immer
verrückt machen und Dich beschützen, bei Dir durchfegen, wenn Du schläfst, Du wirst das alleweil brauchen.
Die Maske sieht aus wie Herbert aussah.
Herbert starb Weihnachten einige Jahre später. Einfach so. 
Er wollte im Meer verschwinden nach dem Sterben. Wir haben ihn in der Havel beerdigt. Das ist das Meer in Berlin.
Jetzt kenne ich sie auch.
Die Percht ist geblieben. Er hat sie mir nach Berlin gebracht.
Ab dann fehlte mir sein grauseliges Angesicht und sein
gerolltes steinernes RRRRRRRR,.
Das war seine Schönheit.
Die Maske erinnert mich daran.



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